Interview

 

 

 

 

 

Interview mit Nina de Vries von eine Studentin der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Freiburg, für ihre Bachelorarbeit zum Thema:

„Sexualpädagogik und Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung“

Geführt am 25.10.2010

 

V: Ich habe mir dein Interview bei Radio Wissen aus Köln angehört, da sprichst du von Menschen mit einer Behinderung und Menschen mit nicht- sichtbaren Behinderungen. Ich fand diesen Begriff spannend, den habe ich davor noch nie gehört und jetzt wollte ich dich fragen, wie du darauf kommst und ob du das ein bisschen erklären magst.

 

N: Ja, das habe ich irgendwo gelesen. Ich fand den Ansatz interessant. „Menschen ohne sichtbare Behinderungen“, heißt im Prinzip so viel wie, dass eigentlich alle Menschen Beeinträchtigungen in irgendeiner Form haben, irgendwelche Schädigungen, Macken, man kann es auch wunde Punkte nennen. Die Meisten schaffen es, damit unauffällig über die Runden zu kommen.

Dann gibt es die Menschen, wo die Beeinträchtigung so stark ausgeprägt ist, oder so ins Auge fällt, das sofort klar ist, dass da eine Beeinträchtigung besteht.

All die so genannten „Normalen“ haben aber auch Beeinträchtigungen und das ist nichts Schlechtes. Ich meine, wenn jemand in ein Massagestudio kommt und sagt: „Hallo ich bin Reiner und ich hätte gerne...“ Der kann auf die Uhr schauen und er weiß was eine Stunde bedeutet und er meint, wie viele von uns, zu wissen was Sexualität ist.

Dann entsteht eine Ebene, wo man sich sozusagen verabreden kann: wir tun jetzt so als ob dies und jenes Sexualität ist und wir wissen auch genau, was man sagt und nicht sagt. Hinter dieser Situation stehen aber möglicherweise auch Beeinträchtigungen und so genannte besondere Bedürfnisse.

 

V: Ich finde das könnte auch so was bedeuten wie, dass jeder eine Verletzlichkeit in sich hat.

 

N: Ja.

 

V: Die wir vielleicht in unserem Alltag in vielen Situationen zu überspielen gelernt haben, die aber trotzdem da ist.

 

N: Wir können sie gut überspielen und das ist auch in Ordnung, dass finde ich wichtig zu sagen, sonst läufst du Gefahr, etwas zu sagen, wie: „Wir sind alle behindert“ und das möchte ich nicht.

Ich kann autistische Züge haben und die habe ich auch, aber ich kann gut damit umgehen, weil ich die Möglichkeit habe, sie zu reflektieren.

Es gibt aber Menschen, die nicht die Möglichkeit zur Reflexion besitzen, sie sind von ihren Zwängen und Ängsten vereinnahmt. Ohne die Assistenz von anderen Menschen kann man dann nicht überleben.

Es ist natürlich auch gut zu sehen, dass es viele Zwänge und Verhaltensstörungen gibt, mit denen Menschen völlig unbeobachtet leben. Man nehme zum Beispiel einige Chefärzte, die in der Gesellschaft ein hohes Ansehen haben, aber im Grunde genommen manchmal stark beeinträchtigt sind, zum Beispiel durch eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur.

Es ist also der Versuch, das klassische Bild von „behindert“ und „nicht-behindert“ ein bisschen aufzulösen, aber eben nicht durch so ein flapsige Pseudo-Aussage, wie: „Wir sind alle behindert“.

 

V: Es kommt anscheinend darauf an, was in der Gesellschaft an Behinderung akzeptiert wird. Wenn jemand leistungsstark ist, dann ist es egal ob er jetzt narzisstisch ist oder nicht, er kann trotzdem bestehen.

 

N: Oder ob er zu Hause seine Frau schlägt, so lange er es gut verstecken kann und die Frau auch bereit ist, ihren Mund zu halten. Unsere Gesellschaft ist voll davon.

 

V: Du nennst dich Sexualassistentin, welche Abgrenzungen machst du zur Sexualbegleiterin?

 

N: Da fragst du mich etwas!

Gestern bekam ich von einer Familie in Süddeutschland eine Mail. Es ging um ihrem autistischen Sohn, der auf einem Kongress in München gewesen ist, wo ich auch war. Er hat auch an meinem Workshop teilgenommen. Er hat das alles ganz interessiert aufgenommen, haben die Eltern geschrieben. Er ist ein nicht-sprechender Autist und er schreibt, darum wissen sie, dass er Verlangen nach Erlebnissen in diesem Bereich hat.

Sie haben mich gefragt, ob ich im Raum Nürnberg jemanden kenne, den ich empfehlen kann. Daraufhin habe in Google „Sexualbegleitung Nürnberg“ eingetippt und fand einen Wikipedia-Artikel über Sexualbegleitung.

Das hat mich irritiert. Diese Bezeichnung wurde 2001 von mir und Lothar Sandfort initiiert.

Jetzt meinen alle zu wissen, was es bedeutet und was es nicht bedeutet. In Wikipedia wird die Sexualbegleitung dargestellt, als gehe es um Nähe und Beziehung und Sexualassistenz sei eher ein klinischer Ansatz. Völliger Unsinn.

Ich wusste das gar nicht. Mir ist schon bekannt, dass zum Beispiel in der Schweiz, als ich dort Menschen ausbildete, manche das Wort „Assistenz“ nicht gemocht haben. Mein Auftraggeber war die „Fachstelle für Behinderung und Sexualität“ und in dieser Organisation wurde gerade dieses Wort ausgewählt, denn Assistenz ist ein Begriff aus der emanzipierten Körperbehindertenbewegung und es symbolisiert den Charakter der Selbstbestimmung.

„Begleitung“ hat für mich schon wieder etwas Bevormundendes, Unebenbürtiges, „an die Hand nehmendes“. Für mich ist Sexualbegleitung und Sexualassistenz das Gleiche, es sind nur zwei verschiedene Wörter.

Es gibt auch Menschen die diese Arbeit anbieten und die sich lieber „Berührerin“ nennen. Das habe ich 2001 mal als Witz in einer schweizerischen Talkshow gesagt.

Der Moderator fragte mich: „Wie würden sie ihren Beruf nennen?“ Und da es damals noch keine Bezeichnung gab, habe ich geantwortet: „Ich persönlich würde es Berührerin nennen.“

Das war nicht wirklich ernst gemeint.

Jetzt gibt es aber Leute, die sich lieber so nennen, weil das dann den Charakter von: „Sex ist ja nicht nur Genitalbereich“ hat.

Die Menschen, die sich so übertrieben von der traditionellen sexuellen Dienstleistung abgrenzen wollen und meinen sie sind etwas Besseres, werden glaube ich öfters auf die Nase fallen in der Arbeit, u.a. weil es auch um Körperflüssigkeiten, um Schweiß und um den Orgasmus geht.

Ja, es geht um Berührung und mit dem Herzen dabei sein, aber das muss nicht etwas sein, was rechtfertigend in den Vordergrund gerückt wird. Das hat für mich oft etwas Verlogenes.

Das Wesentliche bei Sexualassistenz, ob du es jetzt Sexualbegleitung oder -Assistenz nennst, ist für mich, dass der, der es ausführt, wirklich präsent ist.

Das ist das größte Geschenk, was man dem anderen machen kann.

Für mich sind Wörter, wie Menschenkenntnis oder Intuition sekundär, man muss erst einmal präsent sein, sich der eigenen Person bewusst sein und das ist nicht so leicht. Wir sind meistens mit unseren Gedanken wo anders und es braucht Übung von diesen Gedanken nicht abgelenkt zu werden, sondern sie vorbeiziehen zu lassen, sie zu beobachten.

Wie atme ich? Wie fühle ich mich? Was denke ich? Wie geht es mir?

Und nicht an erster Stelle, wie geht es dem Klienten, wie fühlt er sich?

Ich gehe davon aus, dass ich spiegele, ich spüre, ich nehme auf und ich muss mich sozusagen „lesen“: Ist da ein Sympathie? Habe ich Herzklopfen? Fühle ich mich möglicherweise unter Erwartungsdruck, weil draußen die Einrichtungsmitarbeiter warten, die vielleicht skeptisch sind, die Resultate sehen wollen, oder was auch immer.

Das Bewusstsein, dass wir im Moment sind (immer wieder und immer wieder neu) und nirgendwo anders sein können, kann eine authentische Begegnung herbeiführen.

Da bin ich dann natürlich gefragt, weil jemand mit einer so genannten schweren geistigen Behinderung, nicht auf die gleiche Art wie ich in der Lage ist, eine Begegnung zu kreieren, derjenige braucht dabei Unterstützung. Das kann man Nähe nennen oder Beziehung.

Im Grunde müsste erst mal definiert werden, was überhaupt Nähe ist, was überhaupt Beziehung ist, da gibt es viele Unklarheiten, viele unreflektierte Vorstellungen.

Deswegen betone ich immer gerne, dass es um eine Begegnung und um Präsenz geht. Die, die es anbietet weiß idealerweise um ihre Grenzen und Möglichkeiten. Wissen um die eigene Motivation und eine regelmäßige Überprüfung der Beweggründen sind unerlässlich. Das ist ein Prozess und kein einmaliger Akt. Das ist ein wichtiges Merkmal dieser Arbeit, egal ob du es jetzt Begleitung oder Assistenz nennst.

 

V: Würdest du dann sagen, dass man dafür eine bestimmte Ausbildung braucht?

 

N: Das Leben selber ist im Grunde genommen die Ausbildung und dann kann man dem einen Schliff geben, in dem man ganz bewusst reflektiert: Was war da in meinem Leben? Welche Erfahrungen habe ich gemacht? Was sind da für Wunden? Was sind da für Schwierigkeiten gewesen und was habe ich daraus gelernt? Was ist für mich dadurch an Reife entstanden?

Geschehnisse im Leben triggern uns. Zum Beispiel wenn jemand stirbt. Wie gehe ich um mit Verlust? Was löst das bei mir aus? Öffne oder verschließe ich mich?

In der Schweiz habe ich auf dieser Grundlage ausgebildet. Im Grunde genommen bringen alle Menschen viel mit. Eine Grundidee ist, dass jeder bereits Talent und Wissen in sich trägt und wir das durch Selbsterfahrung ans Licht bringen können. Man kann sich dessen in so einer Fortbildung oder Weiterbildung noch bewusster werden. Was habe ich eigentlich bekommen, dadurch das dies oder jenes „schief“ gegangen ist? Schicksalsschläge muss es irgendwo gegeben haben, sonst kann man nicht mit Menschen, die sich durch gesellschaftliche Strukturen (Exklusion) in so genannten „leidvollen Situationen“ befinden, arbeiten.

Außer, jetzt kommt wieder eine neue Generation. Wie alt bist du?

 

V: 26

 

N: Jüngere Leute haben oft nicht soviel Ballast mitbekommen. Die können möglicherweise aus einer ganz anderen Motivation heraus arbeiten. Die Älteren, so wie ich, oder z.B. die Menschen, die ich damals ausgebildet habe, da ist meistens im Leben nicht alles glatt gegangen. Dadurch ist überhaupt auch das Interesse daran entstanden, das „Mensch Sein“ noch mehr zu erforschen. Die Ausbildung kann dabei hilfreich sein. Besser gesagt, man muss einerseits das Gefühl haben, jemand bringt schon alles mit und andererseits hört die Ausbildung nie auf, es geht immer weiter.

Der Grundsatz der Ausbildung ist Selbsterkenntnis: Wer bin ich? Warum will ich das machen? Was ist meine Geschichte und wie hängt das zusammen? Wie gehe ich um mit Macht und Ohnmacht? Habe ich ein Helfersyndrom oder wie ausgeprägt ist mein Helfersyndrom? Und so weiter, all diese Themen sind Teil dieser Arbeit.

 

V: Ich habe mir ein paar Fragen zu deiner praktischen Arbeit aufgeschrieben, weil das natürlich am Spannendsten ist.

 

N: Das denken alle. Mir gefallen auch die Visionen und Erkenntnisse, die dahinter stecken und die daraus entstehen.

 

V: Aber trotzdem. Vielleicht erst mal ein paar Worte dazu, wo deine Treffen meistens stattfinden, ist das oft in Einrichtungen?

 

N: Ja das ist so, weil ich hauptsächlich mit Menschen arbeite, die schwerst mehrfach beeinträchtigt sind und das heißt, sie können nicht zu mir kommen. Ich habe vielleicht so zwanzig, fünfundzwanzig einigermaßen regelmäßige Klienten. Und wenn es möglich ist, das heißt, wenn jemand in Berlin oder Potsdam wohnt, mobil ist und es ist von der ganzen Situation her möglich, auch von der Kapazität der Einrichtung, das ein MitarbeiterIn denjenigen begleitet, bevorzuge ich es sie in meinen Räumen zu empfangen.

Aber meistens bin ich unterwegs.

 

V: Und bist du dann in den Zimmern der Bewohner?

 

N: Meistens ja. Das sind alles Sachen die in den Vorbesprechungen geklärt werden. Zuerst geht es natürlich um die Person. Warum denken die Mitarbeiter, dass Sexualassistenz hier angebracht ist? Meistens gibt es so genannte „Probleme“. Welches Verhalten wird beobachtet? Was sagt die Person, wenn sie etwas sagen kann? Es sind meistens Männer, das Angebot ist für Männer und Frauen, aber es geht meistens um Männer.

Möglicherweise engagiert die Einrichtung mich erst mal für eine Fortbildung für die Mitarbeiter. Das ist optimaler, weil dann alle besser vorbereitet sind. Falls es danach dazu kommt, dass eine Sitzung statt findet, können sie das angemessen(er) mitbegleiten.

Vorbereitende und nachbereitende Gespräche, aber auch die ganz praktischen Sachen: Ist die Heizung an? Kann man abdunkeln? Ist ein CD- Player vorhanden? Es muss frische Bettwäsche geben und an dem Tag, wo ich komme, und auch frisch geduscht sollte der Klient sein. Wenn es jemand ist der zusätzlich eine schwere Körperbehinderung hat, wo liegt er auf dem Bett? Ist da noch Platz für mich? Solche „Kleinigkeiten“, wenn nicht gut vorbereitet, können eine Sitzung stören. Wenn ich vergesse zu sagen, dass ich immer gerne rechts von jemandem liege und es steht zum Beispiel so ein schweres Pflegebett an der Wand, dann kann das natürlich auch heißen, dass ich darüber klettern muss.

Idealerweise gibt es dann die Möglichkeit, noch mal raus zu gehen und einen Mitarbeiter um Unterstützung zu bitten. Dann ist es gut, wenn es ein Mitarbeiter ist, der sensibel mit der Situation umgehen kann. Man kann diese Sachen nicht als rein organisatorisch bezeichnen, weil viel Unbewusstes da mit rein spielt. Z.B. wie die Mitarbeiter diesen Klient betrachten: Mögen sie ihn? Hassen sie ihn schon, weil er so nervig ist, weil er immer grabscht? All das spielt eine Rolle dabei, wie unterstützend sie sein können. Wie ist es mit ihrer eigenen Sexualität? Müssen sie noch kichern oder sind sie schon ein bisschen weiter?

Ein Beispiel: ich habe letzte Woche einen dementiell erkrankten Klient in einem Pflegeheim besucht, da bin ich sechs mal im Jahr. Ich mache die Termine mit den Schwestern aus und die sorgen dafür, dass er frisch geduscht ist. Leider stinkt das Zimmer trotzdem sehr stark nach Urin und es ist ein hässliches Pflegeheim. Du hörst Geschrei aus anderen Zimmern. Wenn ich Glück habe, haben sie nicht vergessen, ein CD- Player in das Zimmer zu stellen, dass ich nicht alle Gänge wieder durchqueren muss, um jemanden zu finden. Daran kannst du auch bemerken, wenn sie dich oder die Situation nicht wirklich unterstützen wollen. Dann ist das Geld nicht da, oder der CD- Player ist nicht da, oder er funktioniert nicht.

Das sind Situationen, wo man Widerstände und natürlich auch Überbelastung spüren kann. Ich versuche so gut wie möglich mit der mir gegebenen Situation zurecht zu kommen, aber da muss man seine Erwartungen manchmal sehr herunter schrauben. Der Klient sitzt da, das Zimmer mehr oder weniger leer, es steht ein Bett, ein Nachtschränkchen und ein Schrank darin, mit einem riesengroßen Fernseher darauf. Das gibt es oft, eine riesengroßen, tollen Fernseher.

Er sitzt am Fenster, guckt ein bisschen orientierungslos vor sich hin und weiß jedes Mal nicht wer ich bin. Ich erkläre ihm dann, wer ich bin und was ich anbieten kann und er findet das dann eine gute Idee. Es gibt da Rollläden, die mach ich runter, das geht nur an zwei Seiten, der Dritte ist kaputt und das schon solange ich ihn besuche. Ich zünde zwei Teelichter an, mache ein wenig Duft, in dem ich etwas tibetisches Räucherwerk anzünde. Während ich das vorbereite, sage ich alles an: „Ich mache jetzt ein bisschen Duft, ist dir das angenehm?“ Und Kerzchen, um eine intimere Atmosphäre zu kreieren. Ich beschreibe das sozusagen während ich es tue.

 

V: Kann er sprechen?

 

N: Ja er kann sprechen und wenn man es nicht wissen würde, dann würde man auch denken, er sei ganz „normal“. Er hat kein Kurzzeitgedächtnis und leugnet, dass er in diesem Heim lebt. Er sagt dann zu mir: „Das nächste Mal kommst du zu mir nach Hause“ Ich erkläre ihn gleich am Anfang, dass das meine Arbeit ist, dass er dafür bezahlt. Einmal hat er gefragt: Wie viel denn? Und ich sagte: „110 Euro.“ Er meinte, dass wäre ganz schön viel. Ich fragte: „Weißt du was ein Euro ist?“ Nein, da ist er noch in D- Mark Zeit. Ich habe ihm dann auch erklärt, das alles viel teurer geworden ist. Er kann ganz normal reden und erzählt zum Beispiel über Urlaube. Er hat durch zu viel Alkohol und des daraus resultierenden Vitamin B-Mangel das Korsakov-Syndrom. Er erzählt mit einer gewissen Art von Stolz: „Ah, Skifahren, da waren wir immer so eine Truppe und haben morgens schon Bier getrunken, das hat richtig Spaß gemacht.“ Er redet, als ob das immer noch so ist. Ich höre zu und validiere was er sagt.

 

V: Unterhaltet ihr euch dann erst?

 

N: Ein bisschen. Ich gehe auf ihn zu, versuche nicht zu beunruhigend zu wirken und sage: „Hey K., ich heiße Nina“ und gebe ihm die Hand und frage, ob er Lust hat auf eine Massage. Er ist so ein Typ Mann, der dann meint: „Oh, toll!“ Ich sage dann, dass es eine bestimmte Art von Massage ist, dass ich erst seinen ganzen Körper massieren werde und mich dann noch mit ihm hinlegen werde und das wir dann kuscheln. So versuche ich es ihm zu erklären. Manchmal nenne ich es auch scherzhaft eine „holländische“ Massage.

Im Spiegel-Wissen Artikel, wird diese Situation auch beschrieben. Ich habe das dem Journalisten erzählt und der bastelt daraus: Sie trinken zusammen Tee und sie hören Musik und er verschönert das alles ein wenig. Das habe ich dann einfach so stehen gelassen, ich habe entschieden das beim Gegenlesen nicht zu korrigieren. Die Realität ist: das Zimmer ist fast leer, der Mann ist sehr dick, hat einen Hautausschlag und viele Menschen würden diese Details als unappetitlich empfinden. So will der Journalist sich das wahrscheinlich gerne vorstellen, weil er eine Akzeptanz kreieren will für die Arbeit und das verstehe ich, ich möchte das ja schließlich auch.

Ich arbeite auch mit Menschen, die schwerst-mehrfach-behindert sind, zusammen, die werden oft sehr gut gepflegt und versorgt. Klienten mit Demenz treffe ich meist in Pflegeheimen und da bekommst du eher den Eindruck von Vernachlässigung durch Überforderung des Personals. Übermorgen z. B. fahre ich nach Hannover in das Taubblindenwerk und da ist es etwas gemütlicher. Ich arbeite da in ein Snoezel-Raum. Lichteffekte und schöne Bilder an der Wand.

 

V: Wenn du sagst, dass deine Klienten teilweise nicht sprechen können, oder du erzählst, da liegt jemand und du weißt manchmal nicht, wo er grade mit seinen Gedanken ist. Wie erfühlst oder erahnst du dann, was ihm gefällt?

 

N: Wichtig ist erst mal festzustellen, dass das auch unsere Situation jetzt beschreibt. Ich weiß nicht wirklich, wo du bist. Ich weiß es nicht und ich werde es nie wissen, auch nicht wenn du versuchen würdest es mir haargenau zu erzählen, dann wäre der Moment schon wieder vorbei. Es ist, meiner Meinung nach, immer so, dass über non-verbale Kommunikation die wichtigste Kommunikation passiert. Und das was wir reden, ist oft mehr eine Ablenkung von dem, was wirklich stattfindet. Das erst einmal vorab.

Ich muss davon ausgehen, dass ich nichts weiß und dann muss ich mein Tempo daran anpassen, was ich an Rückmeldungen bekomme. Vielleicht einen tiefen Seufzer, ein sich strecken oder ein Lachen, eine Gesichtsfarbe, die sich ändert. Eine wichtige Unterscheidung, die es zu machen gilt bei Menschen, die sich verbal nicht ausdrücken können, ist, ob sie einen passiven Wortschatz haben oder nicht.

Es gibt Menschen, bei denen nicht ganz klar ist, ob sie einen passiven Wortschatz haben und wie groß dieser ist. Das sind alles Sachen, die ich im telefonischen Vorgespräch nachfrage. Kann die Person es verstehen, wenn ich frage: „Willst Du dich hinsetzen?“ Oder: „Kann ich die Tür zu machen?“ Man muss immer eine Rückmeldung von den Klienten bekommen können, in irgendeiner Form. Meiner Meinung nach wird die non-verbale Kommunikation und auch die Fähigkeit, von Menschen die nicht sprechen können, sich klar auszudrücken, stark unterschätzt. Speziell von Menschen die nichts mit Menschen mit Behinderung zu tun haben. Die Menschen mit denen ich arbeite und nur mit denen kann ich arbeiten, signalisieren ganz klar was sie wollen und was sie nicht wollen und ich halte mich daran.

Viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass jemand, der sexuelle Dienstleistungen anbietet, sensitiv und intelligent sein kann. Dies können sie nicht mit ihre Vorurteile darüber vereinbaren und denken, sie wird da grob ran gehen und sie ist ja sowieso ein bisschen gestört, weil sonst könnte man so was ja nicht machen. Darum sind die Vorträge vor Personal und Angehörigen so wichtig, damit die, die da sitzen, möglicherweise verstehen: Sie hat intelligente Beobachtungen gemacht und kann auch darüber reden. Das wird dir in dieser Gesellschaft als sexuelle Dienstleisterin oft abgesprochen. Wenn du sexuelle Dienste anbietest, bist du gestört, nur wenige würden offen zugeben, dass sie das denken, aber das ist glaube ich schon, das vorherrschende Bild.

Falls es um jemanden geht und das ist eigentlich selten, der keine klare Rückmeldung geben kann, der ganz-körperlich beeinträchtigt ist und keine Möglichkeit hat seine Muskulatur zu nutzen, dann muss man sich erst mal daneben setzen und tief durchatmen und schauen, ob es eine Möglichkeit des Augenkontaktes gibt. Da ist es wichtig auf Eingebungen zu warten. Das ist etwas was wir in der Ausbildung in der Schweiz 2004 viel geübt haben. Das ist meine Idee von Ausbildung, dass du lernst, zum Beispiel in so einer Situation, nichts durch voreilige Aktionen zu überspielen, sondern mit einer gewissen Gelassenheit, den wirklichen Impuls abwartest und geschehen lässt.

Also nicht: Ich lege jetzt mal meine Hand auf seinen Arm. Das kommt von hier (deutet auf ihren Kopf) und wird immer etwas Mechanisches oder etwas Übergriffiges haben. Wenn ich aber warte, erst einmal gar nichts tue und dies aushalte, kommt der Moment, wo ein wirklicher Impuls auftaucht. Vielleicht legt sich plötzlich mein Hand auf einen Fuß, diese Berührung hat dann einen ganz andere Qualität.

Das ist wichtig, weil viele dieser Menschen hoch empfindsam sind für das was wirklich ist, weil sie nichts mit Sprache überspielen können. Irgendwann entsteht beim Umfeld der Eindruck, hier haben wir es mit jemand zu tun, der vielleicht auf diesem Gebiet eine Unterstützung braucht. Meistens geht es um aggressives oder auto-aggressives Verhalten, Versuche zu masturbieren ohne das dies gelingt, oder Übergriffe auf Mitbewohner oder Mitarbeiter. Man sollte aber auf jeden Fall ganz langsam, behutsam und vorsichtig vorgehen und wenn man sich nicht mehr sicher ist, muss man in der Lage sein zu sagen: „Ich bin mir leider nicht sicher, ich breche es ab.“ Natürlich nicht plötzlich, sondern das auch ansagend und ohne das der Klient ein „schlechtes“ Gefühl haben muss; mit einer gewissen freundlichen Leichtigkeit.

 

V: Ist es auch schon vorgekommen, dass du es abgebrochen hast?

 

N: Eher seltener. Einmal in all den ganzen Jahren, ganz am Anfang. Da habe ich mich nach 15 Minuten entschieden es abzubrechen. Das war nicht, weil keine Reaktion kam, das ist eigentlich gar nicht möglich bei Menschen, außer sie sind tot, dann kommt keine Reaktion mehr. Ich hatte das Gefühl, dass er Angst hatte, weil er mich nicht kannte und dass die Angst zu groß war. Einmal bei einer schwerst dementen Frau habe ich auch abgebrochen, sie war sehr verwirrt, desorientiert und hat immer geschrien: „Ich will ficken.“ Ich vermutete einen Missbrauch oder eine Vergewaltigung.

Ich konnte nicht wirklich mit ihr in Kontakt kommen und dann funktioniert es nicht.

 

V: Vielleicht magst du noch ein paar Worte zu deinen Erfahrungen mit den konfessionellen Trägern verlieren, denn es ist natürlich schon spannend, inwieweit du da auch eingeladen wirst.

 

N: Ich arbeite eigentlich oft mit denen zusammen, denn das sind ja traditionell die, die sich um die Behindertenfürsorge gekümmert haben. Das sind die guten Taten, die einem später im Himmel bringen! (Lacht) Natürlich arbeite ich auch beispielsweise mit der Lebenshilfe, aber eigentlich sind es fast mehr Einrichtungen, wie z.B. die Diakonie oder Caritas. Da ist das Verständnis davon, was Christentum ist, derartig, dass auch eine Sexualassistenz möglich gemacht wird, wenn nötig. Du hast ja in jeder Religion die Dogmatiker, die lebens- und lustfeindlich sind und die werde ich nicht treffen. Ich treffe auf die, die verstehen, wenn jemand so etwas signalisiert dann müssen wir etwas tun. Die verstehen: „Ich bin als Betreuer oder als Heimleiter da, um zu dienen, ich bin nicht da, um über diese Menschen zu bestimmen und ihnen meine Werte aufzudrängen“, so soll es eigentlich sein.

Natürlich ist es für die meisten Menschen schöner, wenn Sexualität innerhalb einer Beziehung stattfindet.

Es kommt auch vor, dass man als Sexualassistentin zwei Menschen bei ihrer Beziehung begleitet. Wenn es eben nicht mehr um Eis essen und ins Kino gehen geht, sondern darum, was wir im Bett er-leben können. Da kann aktive Sexualassistenz eine Rolle spielen und das ist natürlich wunderbar, wenn das geht.

Ich würde niemals sagen, dass alle Menschen mit Behinderung Sexualassistenz brauchen.

Aber auf jeden Fall brauchen sie alle passive Sexualassistenz, dass brauchen wir nämlich alle. Wir können Bücher lesen, wir können Zeitschriften lesen, wir können uns informieren, wir können darüber reden, wir können alles darüber herausfinden und auch mit anderen Menschen Erfahrungen machen. Wir können selber unsere Intimsphäre schützen.

Wenn du in so einem Heim bist und du bist als behindert abgestempelt, dann hast du diese Gelegenheiten oft nicht, dann bist du von deinem Umfeld abhängig. Wie weit sind sie bereit dich dabei zu unterstützen, dir zu erklären, was ein Körper ist? Was ist wichtig, wenn man Sexualität lebt? Wie setzt man Grenzen? Wie kann man ausdrücken was schön ist, was man braucht, ohne jemand anders zu verletzen?

Wenn Menschen intellektuell erreichbar sind und man diese Sachen in einen Gespräch klären kann, gibt es z.B. Einrichtungen wie Pro Familia. Das ist passive Sexualassistenz. Wenn es um Menschen geht, die nicht auf dieser Ebene erreichbar sind, dann ist es eine Aufgabe für ein Sexualassistenten. Jemand, der dir an seinem eigenen Körper Sachen zeigen kann und den du auch berühren darfst.

 

V: Es kostet ungefähr 90-130 Euro, oder?

 

N: Ja, wenn die Leute zu mir kommen können, dann sind es 90 Euro für ein bis anderthalb Stunden und wenn ich in Berlin und Potsdam Hausbesuche mache dann sind es 130 Euro. In anderen deutschen Städten wird der Preis individuell vereinbart. Ich wäge ab, was jemand für finanzielle Möglichkeiten hat und wie viele Klienten ich kombinieren kann. Es geht nur wenn ich mehrere Klienten (in der Einrichtung oder in der Gegend) habe, weil sie sich die Reise- und eventuelle Übernachtungskosten dann teilen können.

 

V: Und es ist ja bis jetzt so, dass sie das privat aus der eigenen Tasche zahlen, findest du das gut?

 

N: Ich habe das Gefühl, dass man da unterscheiden muss, zwischen den Menschen bei denen es wirklich um eine Assistenz geht, die absolut notwendig ist, weil sie z.B. sich und andere verletzen und Menschen, die eine Assistenz wollen oder brauchen, weil sie einsam sind und in unserer Gesellschaft nicht als potentielle Sexualpartner wahrgenommen werden.

Bei der erste Gruppe geht es um Menschen, die so schwer beeinträchtigt sind, dass sie kein Konzept von Sexualität haben können. Konzepte sind ja hier oben (zeigt auf ihren Kopf), das sind abstrakte Ideen. Ein Mensch, der bei allem abhängig ist, bei der Freizeitgestaltung, beim Waschen, beim Duschen, beim Zähne putzen, beim ins Bett gehen, beim Anziehen, überall Unterstützung braucht, benötigt es auch auf diesem Gebiet.

Eine Frau die anfängt sich mit einer Haarbürste auf ihre Genitalien zu schlagen, oder die möglicherweise versucht einen Schuh in sich hineinzuführen, da finde ich, dass es eine Leistung sein muss, die finanziert wird. Da kann es meiner Meinung nach nicht etwas sein, wie: wenn du Glück hast, hast du gerade irgendwie pfiffige Betreuer, oder pfiffige Eltern oder einen gesetzlichen Betreuer, der für so etwas offen ist und wenn nicht, hast du Pech und wenn du dann zu nervig wirst, dann kriegst du ein paar Tabletten und damit hat sich dann die Sache.

Es soll aber nicht die Krankenversicherung dafür zuständig sein, sondern die Pflegeversicherung oder das Sozialamt. Sexualität ist nämlich keine Krankheit. Es geht um Menschen, bei denen die Lebensqualität zu stark beeinträchtigt ist. Zum Beispiel der Autist, wo ich am Donnerstag hingehe, mit dem konnten sie, als er in die Pubertät kam, nicht mehr ins Schwimmbad gehen, nicht mehr auf die Straße gehen, weil er Frauen berühren wollte. Das war jemand, dem man nicht erklären konnte, dass was da jetzt passiert heißt sexuelle Erregung. Und das ist eine Erektion und das bedeutet, dass da Blut reinkommt und du brauchst keine Angst zu haben, das geht auch wieder weg. Er wusste nicht wie er masturbieren konnte. Das ist nämlich nicht etwas was Menschen natürlicherweise wissen, das haben Untersuchungen in Holland belegt. Es muss da eine Assistenz angeboten werden und Mitarbeiter oder Angehörige können und sollen das natürlich nicht leisten. Da finde ich auch das Wort Assistenz passend, ... die Sache muss angegangen werden und diese Menschen haben meistens nicht viel Geld.

Bei allen anderen wird es schwieriger, da kann man dann nicht sagen, dass es wirklich lebensnotwendig ist. Es ist lebensbereichernd, es ist die Lebensqualität verbessernd, das kann man deutlich sehen, aber das sind natürlich Sachen, die man nicht wissenschaftlich oder juristisch messen kann. Diese Menschen sollten eine angemessene Bezahlung für ihre Tätigkeiten, zum Beispiel in Werkstätten, bekommen, damit Sie es sich leisten können, wenn sie es brauchen.

 

V: Du hast gesagt, es steigert die Lebensqualität und in dem Interview hast du auch gemeint, dass es zu einem positiveren Selbstbild führen kann, wenn du einen Menschen eine Weile lang triffst, wie erkennst du das dann?

 

N: An erster Stelle würde ich sagen, dass es wichtig ist, dass man nicht beabsichtigt etwas zu verändern oder bewirken. Das man nicht so an die Sache herangeht, wie, etwas zynisch ausgedruckt, „Ich werde jetzt ein bisschen Glück in dein langweiliges, unterfordertes Leben bringen.“ Das ist anmaßend. Du kannst dich auf die Situation einlassen und möglicherweise eine große Unterforderung wahrnehmen, Langeweile, Not oder Ähnliches. Du kannst dir ein wenig wie der Retter in der Not vorkommen, darfst aber auf keinen Fall aus einem unbewussten Helfersyndrom heraus handeln. Es geht hier nicht um eine Therapie, sondern um eine Erfahrungsmöglichkeit. Es kann passieren, dass jemand sich selber, durch eine Sexualassistenz, anders wahrnimmt. Es ist eine Möglichkeit, ein Angebot, und es muss mehrere Möglichkeiten geben, so wie zum Beispiel Schwimmen, Reiten, Ausflüge, so wie Snoezelen, Sauna, frische Luft, liebevoll zubereitetes Essen aber eben auch schöne Körpererfahrungen. Es kann schließlich auch körperlich sehr angenehm sein, wenn man einen Orgasmus hat, wenn bis dahin nicht klar war, wie man dahin kommt. Man muss nur an sich selber denken, dass kann eine kleine Erleuchtung sein: „Ah, das kann mein Körper empfinden.“

Nehmen wir jemand mit einer körperlichen Behinderung, der gelernt hat seinen Körper als Defizit, als Schmerz, als „nicht richtig“ wahrzunehmen und auf einmal kann er dieses Gefühl erleben. Das ist eine ganz tiefe Anerkennung: „Ich bin auch ein sexuelles Wesen. Jemand begegnet mich jetzt als Mann oder als Frau und nicht als „Behinderter““.

Auch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung, die möglicherweise kein Konzept von Mann und Frau haben, kann dies passieren, es wird oft so sein, aber diese Absicht sollte nicht dahinter stecken und man sollte sich nicht zu wichtig nehmen.

 

V: Du sagst, dass es für Menschen mit einer kognitiven Behinderung wahrscheinlich nicht möglich ist, mit Menschen ohne kognitive Behinderung Liebesbeziehungen zu führen.

 

N: Ja das war eine deiner Fragen. Für eine Beziehung braucht man auch geistige Nähe, das heißt, man muss sich auf gleicher oder ähnlicher Ebene verständigen können und das geht nicht mit jemandem mit einer so genannten kognitiven Behinderung. Der hat zwar diese Authentizität, weil er sich nicht verstellen kann, wird aber oft auch eingeschränkte Fähigkeiten haben, sich in jemand anderes hinein zu versetzen, auf diese Art und Weise emphatisch zu sein und Empathie ist wichtig für eine Beziehung. Ich finde es schade, dass in dieser Gesellschaft Menschen mit Körperbehinderungen selten als potentielle Partner gesehen werden, dass ist eine Einschränkung für die gesamte Gesellschaft. Ich verteile manchmal in Veranstaltungen rote und grüne Kärtchen, womit die Teilnehmer sich zu verschiedenen Behauptungen positionieren können. Eine Behauptung lautet: „Ich fühlte mich schon einmal von jemandem mit einer Körperbehinderung sexuell angezogen.“ Ja ist grün und nein ist rot. In vielen Kreisen, in die ich komme, auch wenn ich das Gefühl habe, das die Teilnehmer emotional nicht besonders flexibel sind, ist es oft erstaunlich, wie viele Menschen mit ja antworten. Ich muss dazu sagen, dass die weiblichen Teilnehmer meist überwiegen und ich denke, dass Frauen weniger eingeschränkt sind in ihren Vorstellungen von Beziehung und Körper, als Männer. Mein Gefühl ist es, dass das aber auch schon ein wenig dieses politisch korrekte Verhalten ist. Man darf nicht diskriminieren. Möglicherweise, wenn man dann tiefer darauf eingehen würde, würde man doch auf Ängste stoßen. Zum Beispiel die Angst, dass ich den/die behinderte/n PartnerIn jetzt immer versorgen muss und ihn/sie nicht mehr verlassen darf.

Es gibt Menschen mit einer körperlichen Behinderung, die eine enorme Reife haben und die sehr inspirierend wirken. Und es gibt natürlich auch Menschen mit einer körperlichen Behinderung, die mit ihrer Behinderung versuchen das Umfeld zu erpressen. Wenn du aber schaust, was bei so genannten nicht behinderten Menschen alles an Erpressung statt findet, an : „Du darfst mich nicht verlassen, sonst werde ich...“ So was passiert häufig. Im Grunde genommen ist die einzige Lösung, dass Menschen mehr bereit sind sich selbst bewusst zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen: Wer bin ich überhaupt? Was fühle ich jetzt? Was will ich jetzt? Was will ich nicht? Wovor habe ich Angst? Was ist mein Selbstbild? Etc. Das alles muss man, im Grunde genommen, selber immer wieder untersuchen, dann gibt es keine Probleme, sondern nur Fakten.

Es gibt ungeschriebene Gesetze, darüber, wen man „offiziell“ bemitleiden muss. Das führt zu einer Überforderung. Neulich lief eine Frau mit ihrem Mann hier in Potsdam auf dem Fahrradweg, ich komme mit meinem Fahrrad von hinten, der Mann hat einen Stock, sie hält sein Arm und ich klingel, klingel, klingel ganz lange und dachte schon: Sind sie vielleicht taub? Und dann dreht die Frau sich um und sagt wütend: „Sehen sie denn nicht, dass mein Mann behindert ist?“ Und da sagte ich: „Na und?“ Und dann bin ich einfach vorbei gefahren. Ich war selber ein bisschen überrascht, ich dachte: Oh, du bist aber drauf. Dieser Umgang ist nicht erlaubt, es herrscht Mitleid und Angst. Man darf nicht sagen: „Hör mal zu, du hast vielleicht ein Behinderung, aber das heißt nicht, dass du jetzt das Recht hast, anderen den Weg zu versperren, ich möchte von dir auch respektvoll behandelt werden.“

 

Menschen mit einer kognitiven Behinderung, denen es in Prinzip möglich ist, eine Beziehung mit jemandem der auch kognitiv behindert ist, zu führen und die das auch wollen, sollten eine Unterstützung bekommen, um Beziehungen zu knüpfen. Da werden sie oft einfach kleine Erklärungen brauchen. Ich nenne gerne Beispiele: ich gehe morgen zu einem Autist, der in einer Einrichtung auf dem Land bei Berlin wohnt. Er ist sprechender Autist. Es gibt da eine Mitbewohnerin, die er gut findet und die auch Autistin ist. Sie stand mal im Flur und er hat sie von hinten umarmt und mit seinem Becken eine stoßende Bewegung gemacht. Dann wurde ihm von den Betreuern gesagt, dass sei nicht okay, dass könne er nicht so machen. Seine Mutter hat gesagt, dass sie vergessen haben ihm noch eine Sache zu erklären. Das hat sie anschließend gemacht. Sie hat ihm gesagt: „Sie ist auch eine Autistin, so wie du und wenn du etwas von ihr möchtest, dann musst du dich vor sie hinstellen und fragen, ob du sie mal in den Arm nehmen darfst und sie muss erst ja sagen und dann kannst du es machen. Du kannst nicht von hinten kommen, weil dann erschreckt sie sich.“ Er konnte das verstehen. Das ist die Unterstützung, die er gebraucht hat.

 

V: Du bietest es ja auch für Frauen an, aber es wird wesentlich öfter von Männern genutzt. Warum, denkst du, ist das so?

 

N: Darüber kann man spekulieren. Sind Frauen möglicherweise eher geneigt, wenn sie Wünsche haben und sie bekommen nicht das was sie brauchen, sich deprimiert zurückzuziehen, und zu weinen, statt etwas einzufordern? Ist diese Neigung biologisch so gegeben, oder ist das angelernt? Ist es möglicherweise so, dass Frauen diese Art von Aufmerksamkeit, beim hauptsächlich weiblichen Personal bekommen, ohne das dies gleich als bedrohlich oder sexuell übergriffig empfunden wird? Wo bei einem Mann dann eher gefragt wird: Was ist das jetzt? Will er Etwas? Hinzu kommt, dass es für Frauen möglicherweise schwieriger ist, Sexualität und Beziehungen zu trennen. Die Erfahrungen haben auch die Männer, die das in der Schweiz anbieten, gemacht, dass die Frauen schwerer loslassen konnten. Bei Männern kommt es natürlich auch manchmal vor, dass sie sagen: „Lass uns heiraten“ aber meine Erfahrung ist es, dass wen ich dann erwidere: „Das kommt nicht in Frage und außerdem müsstest du mich mal eine Woche jeden Tag erleben, dann würdest du bestimmt anders denken“, dass es dann auch OK ist.

Bei Frauen, dass kann man ja an sich selber beobachten, ich weiß nicht ob ich, wenn ich behindert wäre, eine sexuelle Dienstleistung in Anspruch nehmen würde. Wenn ich das machen würde, dann würde ich es, glaube ich, einmal machen. Ich würde nicht wollen dass irgendein „Thomas“ jeden Monat zu mir kommt. Weil ich dann denken würde: Was macht er dazwischen? Mag er mich auch? Freut er sich wenn er kommt? Das würde alles, stelle ich mir jetzt vor, anfangen eine Rolle zu spielen. Ich weiß nicht, ob das bei Frauen angelernt ist, oder ob das wirklich etwas ist, was neurologisch und hormonell anders ist. So wie: Programm: „Frau muss Nest bauen“, also muss sie auf „Mann behalten“ gepolt sein. Dann ist es eventuell nicht möglich, so etwas in Anspruch zu nehmen, weil eine sexuelle Dienstleistung eine Begegnung und keine Beziehung ist.

 

V: Und deine persönlichen Erfahrungen mit Frauen, ist das anders?

 

N: Ich habe ein paar Erfahrungen mit Frauen, über eine ist auch ein Bericht in meinem Infomaterial. Sie war stark autistisch, nicht sprechend, aber mit einem passiven Wortschatz. Da war es einfach wichtig, dass ihr jemand eine Assistenz gibt, der sich das zutraut. Da ging es nicht um Homo- oder Heterosexualität. Ihr war einfach wichtig: „Ich bekomme Aufmerksamkeit und jemand ist für mich da und hat auch keine Angst vor mir. Sie will mir etwas zeigen und respektiert auch, dass ich autistisch bin, was u.A. bedeutet, dass ich Sicherheit empfinde, durch sich wiederholende Abläufe“. Ich fühle mich in der Lage, dass für Männer und Frauen anzubieten, weil ich in meinem Leben auch Beziehungen mit Frauen gehabt habe, sehr schöne sogar. Eine körperliche Nähe zu Frauen ist mir also nicht fremd. Ich arbeite momentan auch mit einer Frau, die eine spastische Lähmung hat und sich nicht selber berühren kann. Sie ist lesbisch, kann sprechen, obwohl das oft schwer zu verstehen ist. Sie hat auch eine leichte Intelligenzminderung. Sie schlägt immer einen neuen Termin per Mail vor. Ich glaube, sie schafft es, die Situation so anzunehmen. Ich gebe ihr diese Unterstützung und ich habe nicht das Gefühl, dass sie sich jetzt an mich bindet oder sich in mich verliebt. Sie sucht auch weiter, geht ins Internet und schaut sich da um. Gestern war ich da und dann hat sie mich wiederholt etwas gefragt und ich habe es nicht verstanden. Wir haben entschieden damit zu warten bis ihre Assistentin zurück war. Die Frage war: „Was ist bisexuell?“ Sie hat eine Frau im Internet kennen gelernt, die sich als bisexuell bezeichnet. Ich gab die Antwort und dann sagte sie: Das geht doch nicht! Und ich sagte: „Doch das geht...“ Nein das geht nicht, meinte sie. Sie konnte überhaupt nicht begreifen, dass es so etwas gibt. Das ist spannend oder?

In dem Moment, als sie so sagte, dass das nicht geht, da kam mir das eigentlich auch fast so vor, als ob das stimmt, dass das vielleicht auch eigentlich nicht wahr ist. Das auch jemand der sagt: „Ich bin bisexuell“ eigentlich hetero- oder homosexuell ist. Weisst du was ich meine? Es könnte etwas dran sein. Ich sagte dann daraufhin zu ihr, ich glaube schon, dass es oft so ist, dass so jemand mehr in eine Richtung tendiert.

 

V: Ich glaube, dass die meisten Menschen nicht hundertprozentig heterosexuell sind.

 

N: So kann man das auch sehen. Diese Frau hat einen jahrelangen Missbrauch durch der Vater erlebt und ich denke für sie ist es ganz wichtig, sich davon abzugrenzen und dazu zu stehen.

Wichtig ist eigentlich eher, ob der Klient eine sexuelle Dienstleistung in Anspruch nehmen kann. Beziehungsweise es aushalten kann, egal ob das jetzt ein Mann oder eine Frau ist, damit fertig werden kann, dass es eine Stunde dauert, dass es Geld kostet, dass es hin und wieder statt findet und dass es keine Liebesbeziehung ist. Und wenn der Mensch das schafft, egal ob das jetzt Mann oder Frau ist, dann kann er auch davon profitieren, wenn er merkt, dass er es nicht schafft, oder wenn andere merken, dass er es nicht kann und er es selbst nicht sagen kann, dann geht es nicht.

 

V: Natürlich habe ich jetzt schon mehreres über das Thema Sexualassistenz gelesen und sie wird teilweise auch kritisch gesehen. Ich habe etwas von einem Mann gelesen, der selber körperbehindert ist.

 

N: Matthias Vernaldi?

 

V: Ja. Er schreibt, dass er das in sofern auch kritisch sieht, weil er meint, das ist noch eine zusätzliche Sonderbehandlung von Menschen mit einer Behinderung und er sieht das in dem Konfliktfeld mit Integration / Inklusion. Das finde ich spannend und ich würde gerne von dir auch etwas dazu hören. Was erwiderst du dieser Aussage?

 

N: Wenn es um Menschen mit einer Körperbehinderung geht, bin ich da seiner Meinung und wenn ich selber körperlich behindert wäre, wäre ich höchstwahrscheinlich auch dieser Meinung. Ich denke, dass es schmerzhaft sein muss, in einer Gesellschaft zu leben, wo du mitbekommst, dass du als Belastung und als bemitleidenswert betrachtet wirst. Das muss grausam sein.

Ich habe mit so genannten „Nichtbehinderten“ angefangen zu arbeiten und dann ist es einfach passiert, dass immer mehr Menschen mit Behinderung sich bei mir gemeldet haben. Ich habe mir die ganze Sache nicht ausgedacht. Es steckt keine politische oder soziale Motivation dahinter. Es war anscheinend einen großen Bedarf vorhanden. Für mich ist es schön, weil es eine größere Herausforderung darstellt. Manche, die jetzt anfangen und von vorne herein sagen: „Ich will Sexualassistent für Menschen mit einer Behinderung werden“ haben es, glaube ich, schwerer. Ich bin froh, dass ich das so genannte „normale Geschäft“ kenne. Ich arbeite einfach gerne mit Menschen, auf einer so direkten Ebene. Matthias Vernaldi kenne ich auch und ich weiß, dass er meine Arbeit schätzt. Es ist einfach klar, dass, wenn es z.B. um Menschen mit hochgradigem Autismus geht, man nicht sagen kann, er solle einfach in den ganz normalen Puff gehen, der auch für die so genannten Nichtbehinderten zur Verfügung steht. Das sind die Menschen, mit die ich am liebsten arbeite. Sonst denke ich auch, wenn es irgendwie geht, dann soll jemand dahin gehen, wo er eine Auswahl hat: „Wir haben heute Sandra, Paula, Lisa und Marion da, du kannst es dir aussuchen.“ Wenn ich einen Anruf bekomme und es geht um jemanden mit einer leichten kognitiven Behinderung, wo es möglich ist zu fragen: Was willst du? Was ist wichtig für dich? Und dieser Mensch sagt: Ich will Geschlechtsverkehr. Das Umfeld antwortet vielleicht: Aber du weißt doch gar nicht was das ist und Sexualbegleitung ist viel schöner und er bleibt dabei. Ja dann muss das organisiert werden. Geht es aber um Menschen, wo das nicht möglich ist, wo du nicht sagen kannst, dass durch Integration oder Inklusion andere Möglichkeiten da wären, dann finde ich es legitim Sexualassistenz anzubieten.

 

V: Es hat ja auch etwas Bevormundendes, wenn der Mensch nur leicht kognitiv behindert ist, wenn man dann sagt: „Jetzt mach doch Sexualbegleitung“.

 

N: Genau. Ich bin öfters unterwegs und halte Vorträge. Dabei geht es mir vor allem darum, die bezahlte, sexuelle Dienstleistung aus der Schmuddelecke zu holen. Zu erklären, dass man sexuelle Dienstleistungen für Geld anbieten kann, mit Respekt, mit Selbstrespekt, die eigenen Grenzen würdigend. Das ist möglich. Es kann sich ja jeder vorstellen: wenn ich meine eigenen Grenzen nicht beachte, dann kann ich auch die von jemand anderem nicht beachten. Da ist die Angst des Umfeldes. In der so genannten „normale Prostitution“ sind möglicherweise vermehrt Frauen unterwegs, die sich keine solche Selbstachtung leisten können, die sagen: Na gut, solange das Geld irgendwie stimmt, kannst du jetzt mit mir machen und ich tue so, als ob es mir gefällt. Es gibt aber auch Bordelle, wo das nicht so ist, wo Frauen arbeiten, die das nicht aus der Not heraus machen. Dann kann man eine Einrichtung sagen: Ruf doch mal da an, weil vielleicht hat jemand wirklich Lust, das zu machen, findet es schön und ist an der Erfahrung interessiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright 2013 Nina de Vries