Lust & Leid

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Lust leben statt Leid schaffen

 

Ein Beitrag von mir über Sexualassistenz für Menschen mit einer Beeinträchtigung.

Veröffentlicht in der Fachzeitschrift der evangelische Behindertenhilfe „Orientierung“. Thema der Ausgabe von Januar 2009 war: Leidenschaft.

 

 

 

 

 

"Mit-Leiden bedeutet, Leidenschaft für alle Dinge zu haben, nicht nur die Leidenschaft zwischen zwei Menschen, sondern für die ganze Menschheit, für alle Wesen auf der Erde, Tiere, Bäume, alles, was die Erde trägt. " Krishnamurti

 

„Leidenschaft ist eine das Gemüt völlig ergreifende Emotion“ las ich in die Wikipedia.

Ich nehme an, dass das das schönste an dieses Gefühl ist: das es allumfassend ist … für ein Moment.

Ein wunderbarer Moment der Totalität, des eins-seins mit das eigene Erleben.

Was darauf folgt ist oft der Versuch dieses Gefühl künstlich am Leben zu erhalten, es nicht wieder verlieren zu wollen. Dann fängt das Leid-Schaffen an.

 

Das Leben selbst ist wie eine Riesenorgie von Sinneseindrücken, die jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde auf uns einwirken und durch uns durchfliessen, oft ohne dass wir das wirklich mitbekommen. Wir werden regiert und gesteuert vom Kopf und der weiss, was sich "rechnet", wie er das "nützliche" herausfiltern kann und alles andere von diesem immensen Wunder, dieser Ozean von Farben, Gerüchen, Geräuschen, Empfindungen, Berührungen an sich abprallen lassen kann.

Als Kind sind wir in Kontakt mit dieser Dimension und dann verlieren wir grossteils die Fähigkeit zu „wundern“.

 

Dann tritt (wenn wir Glück haben) die Sexualität in unser Leben.

 

Die Möglichkeit des liebevollen, sinnlichen und sexuellen Austausches mit anderen Menschen kann uns wesentlich dabei unterstützen wieder zurück zu finden zu dieser Wahrnehmung, vom Leben als leidenschaftlich an sich.

Das Leben als Überfluss statt als Mangel.

 

Wer Sexualität/Sinnlichkeit leben will und aus irgendeinem Grund keine Möglichkeit dazu hat, kann leicht die Lust am Leben abhanden kommen.

U.a. weil es in unsere Gesellschaft keine Inklusion von Menschen mit Behinderung gibt, ist es für viele dieser Menschen schwer eine erfüllte Sexualität zu haben oder überhaupt sexuelle/ sinnliche Erfahrungen zu machen MIT andere Menschen.

Sexualassistenz kann für manche eine mögliche Alternative sein.

 

Im Folgenden werde ich erläutern was Sexualassistenz ist, was es nicht ist und wie ich dazu gekommen bin als Sexualassistentin zu arbeiten.

 

Aktive Sexualassistenz ist eine bezahlte sexuelle Dienstleistung für Menschen mit einer Beeinträchtigung. SexualassistentInnen sind Menschen, die aus einer transparenten und bewussten Motivation heraus folgendes anbieten: erotische Massage, zusammen nackt sein, sich gegenseitig streicheln und umarmen, Anleitung zu Selbstbefriedigung für Menschen die das nicht von Bildmaterial verstehen können, bis hin zu Oral und Geschlechtsverkehr. Jede/r SexualassistentIn entscheidet individuell, was er/sie konkret anbietet und für wen.

 

So manche sind empört und sagen: „Aber das ist dann doch Prostitution?“

Prostitution ist ein Beruf mit sehr negativer Konnotation in unsere Gesellschaft.

Es wird von den meisten mit Ausbeutung, Gewalt, Verletzung, geringe Selbstachtung, Manipulation und Täuschung assoziiert.

Um mal so einiges zu nennen.

Bevor ich die Unterschiede zu der so genannte „normale Prostitution“ beleuchte möchte ich behaupten, dass es auch Prostituierten gibt, die eine positive und heilende Arbeit machen. Das Cliché von „armes ausgenutztes Mädchen“ oder „böse geldgierige Frau“ passt längst nicht auf jede Prostituierte.

 

Nun zu die Unterschiede:

 

Die Sexualität und Sinnlichkeit, um die es bei Sexualassistenz geht, ist eine ganzheitliche, ganzkörperliche, bewusste und nicht eine auf Geschlechtsmerkmale fixierte, mechanische Sexualität, die man eher in der so eben genannten „normalen Prostitution“ aber auch in viele Ehebetten findet.

Sexualassistenz ist eine bezahlte sexuelle Dienstleistung, wo der Mensch an erster Stelle steht und die Anbieterin ihre eigenen Grenzen und Möglichkeiten reflektiert hat und achtet.

Es geht nicht darum, jeden zu mögen und wahllos Erwartungen zu erfüllen oder darum, nur zu befriedigen.

 

Die Sexualassistentin (ich bleibe hier kurz bei der weiblichen Form, es gibt aber auch männliche) muss die Fähigkeit haben, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben und zu merken, wie es ihr dabei ergeht, wenn sie eine intime Begegnung für jemand anderen gestaltet.

Die Qualität der Arbeit hängt, für einen wesentlichen Teil, davon ab, inwieweit sie sich ihre eigene Grenzen und Möglichkeiten bewusst ist und in wie weit sie diese würdigt.

Z.B. biete ich persönlich kein Geschlechtsverkehr und kein Oralkontakt an.

Nicht weil ich das „schlecht“ oder „unmoralisch“ finde, sondern, weil ich das nicht möchte.

Das ist eine persönliche Grenze.

 

Für so manche ist es schwer vorstellbar: wie kann man denn in voller Bewusstheit und Präsenz und seine eigene Grenzen achtend, mit wildfremde Menschen intim sein?

Dazu noch die so genannte „Imperfekten“.

Nun will ich gerne ein wenig schildern, wie ich denke, dass sich bei mir die Möglichkeit so eine Arbeit machen zu können ereignet hat.

 

Diese Tätigkeit, die ich seit ca. 12 Jahre ausübe, ist nicht entstanden aus einer Geschäftsidee oder einer sozialen oder politischen Ideologie, sondern sie hat sich durch Anfragen ergeben.

1994 fing ich an erotische, tantrische Massage anzubieten in einem Massagestudio. Da kamen hauptsächlich nicht sichtbar behinderte Männer.

 

Ich war 33 Jahre alt als ich mit dieser Arbeit anfing.

In den Jahren davor hatte ich bereits in mehreren verschiedenen Liebesbeziehungen gelebt, sowohl mit Männern als auch mit Frauen.

Durch diese unterschiedlichen Möglichkeiten des Experimentierens wurde Sexualität entmystifiziert. Damit meine ich, dass ich meine ureigenste Sexualität entdecken konnte und sich die Befangenheit und auch die Überbewertung von Sexualität, die in unserer Gesellschaft herrscht, lösen konnte.

 

Ich hatte auch für mich erkannt, dass Sexualität nicht unbedingt an eine romantische Idee von Liebe gekoppelt sein muss, um würdevoll, respektvoll und genussvoll zu sein.

Ich habe gelernt, Sexualität als menschliche Gegebenheit, als ein Werkzeug, als Kommunikationsmöglichkeit zu begreifen.

Um so etwas wie eine bezahlte sexuelle Dienstleistung anbieten zu können muss es so ein Verständnis von Sexualität geben.

Wenn man meint Sexualität gehöre ausschliesslich in Paarbeziehungen ist diese Art der Umgang natürlich unvorstellbar.

 

Bevor ich 1990 nach Berlin kam, hatte ich in den Niederlanden ausser einer Massage Ausbildung auch eine therapeutische Ausbildung absolviert, die auf intensive Selbsterfahrung basierte und mich selbst in meinen Grenzen und Möglichkeiten, Neurosen und Talenten ziemlich gut kennen gelernt.

In mir war ein Menschenbild entstanden und gefestigt, was stark buddhistische Züge hat: Der Mensch als geistiges Wesen, in einer Körperhülle, auf einer zeitlosen Entdeckungsreise, die Leben genannt wird.

Am Anfang in Berlin war ich hauptsächlich als Graphikerin/Illustratorin tätig, und ich arbeitete auch ein Jahr als Betreuerin in einem Rehabilitationszentrum für Menschen mit einer Behinderung.

Darum war es für mich dann auch möglich, in der spätere Massagearbeit auf die Anfragen, die auch von Menschen mit Beeinträchtigung kamen, ohne zuviel Scheu eingehen zu können.

Um dann festzustellen, dass mir diese Arbeit noch mehr gefällt.

Sie stellte und stellt für mich eine grössere Herausforderung da.

 

Der Beruf des sexuellen Dienstleisterins hat eine lange und ehrenwerte Tradition.

In matriarchalen Hochkulturen, in denen die Göttin verehrt wurde, war Sexualität ein Segen, eine heilige Handlung.

Es gab so genannte Tempeldienerinnen, die Sexualität als Medium einsetzten um Menschen mit dem Göttlichen in sich in Verbindung zu bringen.

Heute gilt diese Arbeit als Prostitution.

Frauen wie ich gelten als Nutten, machtbesessene Hexen oder bedauernswerte Mädchen.

 

Bei mir hat sich das mittlerweile so entwickelt, dass ich hauptsächlich arbeite mit Menschen mit mehrfach schwereren Beeinträchtigungen.

Diese Menschen, die nicht integriert sind in unsere Gesellschaft, werden gepflegt, erzogen, gefördert und gemassregelt durch einen Apparat von Professionellen die spezielle Ausbildungen genossen haben, wo übrigens das Thema Sexualität höchstens mal kurz dran kommt.

Für diese Menschen sexuellen Diensten zu leisten erregt Aufsehen und stosst oft auf Unverständnis. Es besteht eine Tendenz Sexualassistenz zu verteufeln oder auch zu verherrlichen.

Von dieser Ignoranz profitiere ich gewissermassen, weil es dadurch ein Aufklärungsbedarf gibt: seit Jahren werde ich engagiert für Vorträge und Workshops.

Habe da die Gelegenheit klar zu machen, dass es hier nicht geht um Teufelswerk (geldgierige, machthungrige Frau hat Marktlücke entdeckt) und auch nicht um selbstlose Handlungen, die aus Mitleid und ein Art „gut sein“ geschehen.

 

Für mich ist es wesentlich immer wieder klar zu stellen, dass ich diese Arbeit an erster Stelle für mich mache.

Sie gibt mir die Möglichkeit wesentliche, direkte und oft sehr authentische Begegnungen zu haben mit Menschen, mit denen ich sonst nicht in Kontakt kommen würde. Und das in einer Gesellschaft, wo „normal“ heisst: eine Maske zu tragen, eine Rolle zu spielen, bloß nicht „anders“ zu sein und wo Authentizität etwas Seltenes ist.

 

Ich arbeite auch mit Menschen, die sich nicht oder nicht mehr verbal ausdrücken können.

Menschen, die, aus welchem Grund auch immer, nicht in der Lage sind, die Eindrücke und Stimuli von aussen so zu filtern und wahrzunehmen, dass das Bild, was wir „die Realität“ nennen entsteht.

Menschen die vielleicht nicht wissen, dass man es nicht all zu sehr zeigen soll, wenn man wütend ist oder traurig oder erregt. Die nicht so gut dressiert und gezähmt sind wie wir.

Die aber ohne unsere Unterstützung nicht (über-)leben können.

Solche Menschen sind oft authentischer und ich arbeite sehr gerne mit denen.

Für mich ist es eine grössere Herausforderung und ich habe auch das Gefühl, das eine verantwortungsbewusste sexuelle Assistenz hier am meisten angebracht ist. Diese Menschen können oft nicht, dass was wir eine Paarbeziehung nennen, eingehen und meistens werden sie im traditionellen sexuellen Dienstleistungsangebot, sprich Prostitution, nicht gut aufgehoben sein.

Da sie natürlich schon eine Sexualität haben, entstehen oft Probleme.

Diese entstehen meiner Meinung nach vor allem, weil das Umfeld nicht angemessen reagiert. Das hat wiederum damit zu tun, dass die meisten von uns ihre Sexualität nicht erforscht und reflektiert haben und nicht entspannt mit dem Thema umgehen können. Es gibt viel Scham und Hemmungen, was dann in dem Unvermögen kreative Lösungen zu finden, resultiert.

Viele von diesen Klienten haben auf sich aufmerksam gemacht durch Aggression oder Autoaggression, endlose missglückte Versuche zu masturbieren, unerträglich gewordene Annäherungsversuche an Menschen, die dabei immer ihre Grenzen setzen müssen (z.B. Personal, Eltern, Menschen auf der Strasse).

Meist werde ich dann erstmal für einen Infoworkshop für die Mitarbeiter engagiert. Das gibt die Gelegenheit die Arbeit kennen zu lernen, Fragen zu stellen, Zweifel, Ängste und Vorurteile auszusprechen. Erst wenn dabei ein Gefühl von Vertrauen entstanden ist, bin ich bereit individuell mit Klienten zu arbeiten.

Nach einem intensiven Vorgespräch wird dann ein Termin gemacht und ich versuche auf eine behutsame Art und Weise Kontakt zu dieser Person aufzunehmen.

Manchmal gelingt das, manchmal gelingt das sehr gut und manchmal gelingt es nicht. Z.B. können Menschen mit stark autistischen Zügen sich manchmal nicht öffnen für so viel Neues und Unbekanntes, auch wenn es noch so langsam und behutsam an sie herangeführt wird und bevorzugen es sich an ihre vertrauten, bekannten Rituale zu halten.

Wenn ich jemand zum ersten Mal begegne, folge ich allem, was von der Person kommt.

Natürlich mache ich Angebote, aber erstmal ist es mir wichtig ganz klar zu signalisieren: „Du hast hier das Sagen“. Sexualassistenz ist nämlich keine Therapie.

Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis und keine Krankheit oder Störung, die es zu heilen bedarf. Sexualassistenz ist eine Erfahrungsmöglichkeit, die an erster Stelle vom Klienten gestaltet wird. Obwohl mein Angebot für Männer und Frauen ist wird es leider fast nur von Männern in Anspruch genommen.

 

Ich habe aber auch Erfahrungen gemacht mit Frauen und eine von diesen Erfahrungen möchte ich hier schildern um die ganze Geschichte noch etwas anschaulicher zu machen.

 

Clara (Name geändert) ist 32 Jahre alt als ich sie kennen lerne. Sie ist in einem Heim aufgewachsen und irgendwann durch Umstände und Missverständnisse, die ich nicht genau kenne, in der Psychiatrie gelandet, wo sie ganz klar nicht hingehört.

Sie wird eingestuft als „geistig behindert“. Sie lebt jetzt seit einiger Zeit in einem Enthospitalisierungs - Projekt in Berlin.

Sie hat stark autistische Züge. Sie kommuniziert mit Tönen/Mimiken und teilweise mit Gebärden. Mitarbeiter beobachten, dass sie sich oft längere Zeit auf die Toilette zurückzieht und versucht zu masturbieren. Sie findet keinen Weg dies „erfolgreich“ durchzuführen und ist daraufhin oft sehr unausgeglichen. Sie hat eine starke Tendenz zur Auto-Aggression.

Mein Auftrag ist es ihr (möglicherweise) eine Technik der Selbstbefriedigung zu vermitteln. Nach der ersten Sitzung ist mir klar, dass ich nur wirklich in Kontakt mit ihr kommen kann, wenn ich sie öfter und mit einer gewissen Regelmässigkeit sehe. Ich besuche sie dann 4 Monate lang einmal wöchentlich für ein wesentlich geringeres Honorar. Wenn ich komme, freut sie sich extrem, was sie ausdrückt mit ein lautes Schreien. Sie stürzt sich mehr oder weniger auf mich und zerrt mich ins Zimmer.

Ich mag ihre Unbändigkeit, einerseits, weil es erfrischend ist jemand zu begegnen, der seine Freude nicht mit höflichem Benehmen tarnen kann und andererseits, weil ich dadurch sicher bin, das sie will, dass wir diese Arbeit zusammen machen. Die Gefahr der Übergriffigkeit und Fremdbestimmung ist natürlich auch gegeben im Umgang mit Menschen wie ihr.

Clara kann vieles verstehen, was ich zu ihr sage und kann mit kleinen Unterbrechungen zwischendurch, wo sie sich gewisse Zwangshandlungen widmet, ihre Aufmerksamkeit voll und ganz an unseren Begegnungen schenken.

Am Anfang zeige ich ihr Sachen ausschliesslich an meinem eigenen Körper.

Ich massiere/berühre sie erstmal nur am Rücken später auch die Vorderseite des Körpers. Ihr Gesicht darf ich nicht berühren. Auch sie berührt mich und wir umarmen uns im stehen. All dies ist berührend, weil sie es, wenn sie aus ihrer Hyperaktivität aussteigen kann, es mit einer gewissen Zaghaftigkeit, mit einer ernsthaften Aufmerksamkeit erlebt.

Es findet teilweise intensiver Augenkontakt statt, natürlich immer von ihr initiiert.

Da sie nicht versteht warum sie sich morgens, wo sie sich gerade geduscht und angezogen hat, wieder ausziehen sollte, gehen wir irgendwann zusammen in die Badewanne.

Sie liebt Wasser und natürlich geht man nackt da rein.

Dies gibt mir Möglichkeiten der Berührung und des Erklärens, die ich sonst nicht hätte.

Diese Berührungen sind leicht und eher andeutend/erklärend. Ich habe sie z.B. nie direkt in ihrem Genitalbereich berührt. Das wäre übergriffig gewesen.

Alles ist sehr behutsam und verspielt. Wir lachen viel, machen zusammen Töne. Mein Gefühl ist es, das sie spürt, dass sie mich fasziniert und sie das auch geniesst.

Irgendwann habe ich ihr einen Vibrator mitgebracht und an mir gezeigt wie man damit umgeht. Dies konnte sie zwar nicht direkt umsetzen, trotzdem weiss ich, durch Rückmeldungen von wichtigen Bezugspersonen von ihr, dass die Sitzungen eine Bereicherung für sie dargestellt haben.

 

Das folgende ist aus einem Interview, das ich führte mit ihrem gesetzlichen Betreuer,

der auch Heimleiter und Psychologe in Berlin ist. Er kennt Clara seit sie ganz klein ist.

 

Wie schätzen Sie die Bedeutung dieser Arbeit für Clara ein?

 

So wie ich Clara erlebt habe, ist das etwas, was sie für sich neu entdeckt hat und auf eine andere Art entdeckt hat, als sie es bis dahin immer für sich durchgeführt hat. Sie ist mit ihrem eigenen Körper sehr rau umgegangen, sehr schnell und auch sehr brutal. So wie ich das jetzt erlebe, hat sie für sich eine Art Zufriedenheit entdeckt. Wenn sie bei uns zu Besuch ist und sich auf die Toilette zurückzieht und sozusagen andeutet „lasst mich zufrieden, ich brauche jetzt mal eine Auszeit“, dann bleibt sie eine Weile da und wenn sie dann wieder rauskommt, ist sie wesentlich ausgeglichener. Es ist angenehm. Es scheint etwas zu sein, was sie zufrieden stellt.

 

Können Sie noch mal sagen, was sie vorhin gesagt haben über Clara als Seismographen?

 

Für mich ist sie jemand, die sehr genau mitkriegt, ob jemand etwas will von ihr, wovon er auch überzeugt ist. Clara ist meine beste Lehrmeisterin gewesen für mich als Psychologen in diesem Beruf. Sie hat mir nichts durchgehen lassen, was ich nicht 100%ig wollte und auch wusste dass ich es will. Alles was aus so genannten pädagogischen Gründen von mir gekommen ist, das hat sie mir einfach nicht durchgehen lassen.

Wenn Clara jemanden so dicht an sich herankommen lässt, in einer so intimen Situation, wie Sie es gewesen sind, mit sich auch umgehen lässt, ist das ein Zeichen davon, dass sie gemerkt hat, da will jemand etwas Wichtiges und Gutes für mich, sonst würde sie es nicht zulassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright 2013 Nina de Vries