Sexualassistenz und Autismus

 

 

 

 

SEXUALASSISTENZ & AUTISMUS

 

Ein Interview

 

RUTH TERINDE / NINA DE VRIES

 

Die Sexualassistentin Nina de Vries befragte die Heilpädagogin, Gestalttherapeutin und Leiterin der Autismusambulanz in Ibbenbüren Ruth Terinde über die sexualbegleitende Arbeit mit Adam (Name geändert), einem ihrer autistischen Klienten.

 

Nina: Kannst du kurz beschreiben, wie deine Beziehung zu Adam ist?

 

Ruth: Ich kenne und arbeite mit Adam seit seinem dritten Lebensjahr. Er war immer ein sehr eigenwilliger Mensch, der auf seine eigenen Bedürfnisse geachtet und sie auch eingefordert hat. An einem bestimmten Punkt gab es eine Pause im Kontakt. Ich hatte nur noch sporadisch privat mit ihm zu tun. Ich habe ihn dann wieder kennengelernt als er erwachsen war, nach einem Wechsel in eine andere Wohneinrichtung, wo er ganz starkes aggressives und autoaggressives Verhalten gezeigt hat. Da bin ich wieder eingestiegen, mit ihm zu arbeiten. Um ihn überhaupt wieder auf den Boden zu holen, habe ich gestalttherapeutisch gearbeitet, ganz stark im Körpertherapie-Bereich.

 

Nina: Wie kam es, dass Du die Notwendigkeit für Sitzungen mit mir feststelltest?

 

Ruth: Durch die Therapie konnte ich unmittelbar beobachten, dass er auch sexuelle Wünsche hat. Zum Teil hat er eingefordert, dass ich ihn auch auf dem Bauch massiere, wollte er mich an der Brust und zwischen den Beinen anfassen. Im Rahmen meiner Arbeit in der Autismus-Ambulanz und im Rahmen von der gestalttherapeutischen Arbeit sind Grenzen da.

 

Parallel, unabhängig von Adam, hatte ich mich schon länger mit Sexualität und Behinderung auseinandergesetzt. Ich habe u.a. einen Arbeitskreis in Dänemark besucht, wo es Pflicht der Betreuer ist, auch zu gewährleisten, dass ein behinderter Mensch ausreichend Sexualität leben kann. Also wuchs bei mir der Wunsch, da wo meine Grenze im Bereich der Körperarbeit ist, Adam etwas Neues anzubieten. Rein rechtlich ist das schwierig in Deutschland für den Bereich der geistig Behinderten, zu dem auch Adam zugeordnet wird als autistischer Mensch.

 

Er hat eine sehr offene und tolerante Mutter, die ihm eben auch gegönnt hat, sexuelle Erfahrungen zu machen. Ich habe einen ganz starken Zusammenhang gesehen zwischen seiner Aggression, die sicherlich zum Teil auch durch den Wohnortwechsel gegeben war, und dem Wunsch nach körperlicher Nähe, sexueller Nähe zu Frauen. Er war fixiert auf blonde Frauen. Es besteht sicherlich ein Zusammenhang, dass seine Mutter blond ist und ich auch und er dadurch Weiblichkeit mit blond verbindet. Das konnten wir in der Stadt beobachten.

 

Wir haben es letztendlich gar nicht mehr gewagt, mit ihm in die Stadt zu gehen. Als Autist hatte er nicht die Möglichkeit, Kontakt angemessen zu gestalten.

Er wurde übergriffig, hat Frauen von hinten angefasst. Er meinte das ganz zärtlich, aber das ist gesellschaftlich nicht gewollt, dass ein Behinderter eine Frau einfach anfasst.

 

Meine Überzeugung ist, dass sein Aggressionspotential unmittelbar mit nicht gelebter Sexualität zusammenhängt. Er zeigte z.B. aggressives Verhalten immer dann, wenn er versucht hat zu onanieren. Ein Autist hat oft kein Konzept von seinem Körper. Er versteht nicht, was passiert da mit mir? Ich bin erregt, was soll ich jetzt tun? Wie geht das wieder weg?

 

Ich glaube dass, alle Menschen, die sexuell unbefriedigt sind, Aggressionen in sich haben. Sie können das aber steuern. Adam hat keine Möglichkeit und zeigt in seiner Verzweiflung Auto- und Fremdaggressionen. Er spricht mit Gebärden und ich habe ihm eine Gebärde für Onanieren gezeigt, aber damit kann er natürlich nicht sagen, wie lösen wir dieses Problem jetzt?

 

Dann hatten wir das Glück, durch einen Fernsehbericht von Dir zu erfahren. Wir haben Kontakt aufgenommen und Adam hat schon in den ersten Stunden, ohne jetzt gleich in einen sehr nahen Kontakt mit Dir zu kommen, das Gefühl gehabt, die haben kapiert, was mit mir los ist und ich werde Ernst genommen. Das ist letztendlich, glaube ich, das Geheimnis, diesen Respekt Behinderten gegenüber zu haben, dass sie auch ein Recht auf Sexualität haben.

 

Nina: Also, Respekt und Ernst-genommen-werden. Was meinst Du, was er in den Sitzungen braucht?

 

Ruth: Ein Autist lebt von Ritualen und von festen Strukturen. Diesen Kontakt haben wir ja auch in ein Ritual gepackt. Er hat ein Bildkartensystem auf Holztafeln und da gibt es auch eine für „Nina“. So weiß er, die kommt wieder, darauf kann ich mich verlassen. Er hat eine klare Körpersprache, um mir klar zu machen, ich will das wieder. Er versucht dann, mich anzufassen, das ist seine Sprache. Ich kann das deuten oder ich kann sagen, Sexualität gibt es nicht für Adam. Für ihn ist es gut zu wissen, da kommt jemand extra und das ist für diesen Bereich. Dass jemand mit ihm nackt ist, das ist eine völlig neue Erfahrung für ihn gewesen.

 

Er braucht diese körperliche Nähe, Nacktsein. Bei mir zieht er sein Oberteil aus, ich massiere ihn, das gehört auch zu meiner Arbeit. Bei Dir darf er sich ganz nackt ausziehen und das ist für ihn ein deutliches Signal, da geht Körperarbeit weiter als bei uns. Der Hauptteil ist, glaube ich, der Respekt.

 

Er will auch berührt werden, aber so, dass er das steuern kann. Das hat er bei Dir ja auch erlebt. Da ist nicht jemand, die will jetzt was von mir, ich muss etwas tun. Dass ist eine Erfahrung, die Behinderte oder Autisten oft machen, dass es fremdgesteuert ist. Er braucht dieses Wissen, ich kann ihre Hand führen und komme langsam in eine Beziehung mit ihr. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Autisten keinen Körperkontakt wollen. Sie können ihn nur nicht gestalten.

 

Nina: Was meinst Du ist bis jetzt durch die Sitzungen passiert? Wie siehst Du die Entwicklung?

 

Ruth: Ich sehe ein ganz klares Zurückgehen von Aggression. Er zeigt viel weniger Aggression und schon gar nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Versuch zu onanieren. Er hat für sich die Möglichkeit entdeckt, in sein Zimmer zu gehen, die Tür zuzumachen und eine intime Erfahrung mit sich selbst zu machen. Er kann sich jetzt selber befriedigen. Was aber auch deutlich ist, er ist damit nicht zufrieden, er braucht auch das Setting in unmittelbarem Zusammenhang mit Dir.

 

Bei manchen Autisten ist es vielleicht so, dass sie nur die Technik des Onanierens z.B. brauchen. Bei Adam würde das nicht reichen. Er ist einfach auch ein Mensch, der sich ganz stark an anderen Personen orientiert. Ihnen auch bestimmte Tätigkeiten zuordnet. Z. B. in Kontakt mit Hermann (ein Betreuer) weiß er, da fahren wir immer irgendwo hin oder wir gehen essen. Mit Ruth machen wir bestimmte Dinge. Diese Erfahrung zu machen, sich auch als Mann zu erkennen, als Mann ernst genommen zu werden, auch wenn er in anderen Entwicklungsbereichen erhebliche Defizite hat, das ist wichtig für ihn.

 

Nina: Was meinst Du, wäre passiert, wenn es das nicht gegeben hätte?

 

Ruth: Selbst wenn sich die Wohngruppensituation so wie im Moment stabilisiert hätte, parallel aber das Angebot zu dem Thema Sexualität nicht gekommen wäre, wäre ein erhebliches Aggressionspotential vorhanden. Es ist insgesamt so, dass er viel ruhiger geworden ist, er hätte diese Ruhe nicht gekriegt. Oft setzt er sich nach den Sitzungen eine Stunde aufs Bett und eine tiefe Zufriedenheit ist spürbar. Es kam nie vor, dass er danach ausgerastet ist. Und weil wir jetzt abgemacht haben, dass wir uns alle vier Wochen treffen, wird auch die Unruhe nicht so groß in den Zwischenphasen.

 

Nina: Hast Du das Gefühl, dass die Möglichkeit, diese Erfahrungen zu machen, sich auch auf andere Bereiche in seinem Leben auswirkt?

 

Ruth: Ja, ich glaube einfach, wenn er da keine Befriedigung erfahren würde, er sich auch in den anderen Bereichen nicht beruhigt hätte.

 

Nina: Was sind die anderen Bereiche in seinem Leben?

 

Ruth: Sich auf neue Gruppensituationen einzulassen, auf neue Bewohner, auf neue Mitarbeiter. Freizeitgestaltung, wie Fahrrad fahren, Skating. Er kann jetzt z. B. wieder in die Stadt gehen. Andere Frauen interessieren ihn nicht mehr. Seit dem 3. oder 4. Mal, wo dieses Angebot stattfand, ist es wieder möglich, weil er nicht mehr auf der Straße Frauen anfasst oder darauf fixiert ist. Wenn er das nicht hätte, wäre er irgendwann völlig isoliert, weil man mit ihm nicht rausgehen könnte, z. B. in ein Schwimmbad. Die Dinge die vor seiner Pubertät, vor seiner Sexualentwicklung möglich waren. Das geht jetzt alles wieder, weil er weiß, dieses Thema kann ich mit Nina bearbeiten, das wird ernst genommen.

 

Nina: Manche Mitarbeiter und Heimleiter befürchten, wenn Menschen mit einer kognitiven Behinderung oder einer Autismus Spektrum Störung so etwas erleben, dass sie dann nicht mehr differenzieren können. Sie werden womöglich das gleiche Angebot von den Mitarbeiterinnen erwarten. Wie siehst Du das? Hattest Du die Befürchtung auch?

 

Ruth: Die Befürchtung hatte ich persönlich nicht, weil man sieht, wenn man Autisten beobachtet, dass sie bestimmte Leute mit bestimmten Aktivitäten verbinden und daran auch festhalten. Bevor der Kontakt mit Dir zustande kam, war er „übergriffig“. Ich hatte damals kein Angebot für ihn. Er wurde zunehmend aggressiver. Seit diese Stunden mit Dir stattfinden, konnte ich immer, wenn solche Signale kamen, sie auch als seine Sprache deuten, seine Art mir mitzuteilen, was sein Bedürfnis ist. Ich konnte ihm dann sagen, ich kann Dir das jetzt nicht geben, aber Nina kommt wieder. Dann hat er gelacht und war sichtlich zufrieden.

In den Körperarbeitstunden mit mir ist er noch nie auf die Idee gekommen, seine Hose auszuziehen. Es ist ganz klar, dass das in den Stunden mit Dir reingehört und dass das etwas Besonderes ist, kein Alltag. Es sind ganz feste Rituale, die gebunden sind an bestimmte Personen. Ich kann ihm jetzt viel besser entgegen treten und meine Grenzen klar machen, weil es jetzt auch wirklich ein Angebot gibt. Die Aussage, dass man womöglich Sexualität weckt, wo gar keine ist, ist definitiv eine Falschaussage. Ich glaube es ist wichtig, dass Mitarbeiter ehrlich über ihre eigene Grenzen reden (können).

 

Nina: Hast Du noch einen Tipp für weibliche Mitarbeiter, wie sie mit übergriffigem Verhalten umgehen können?

 

Ruth: Wichtig ist für, sich zu klären, was möchte ich und was nicht. Mann muss sich darüber im Klaren sein, dass man auch ein Lustobjekt darstellt für manche geistig Behinderte. Ich würde mir auch gegebenenfalls Hilfe holen, bis ich Sicherheit im Kontakt gefunden habe. Man muss nicht Tarzan spielen. Wenn die Angst zu groß ist, würde ich mir immer einen Mann dazu holen. Das habe ich am Anfang auch gemacht. Da muss man sich nicht überschätzen, damit ist niemandem gedient, auch nicht dem behinderten Menschen.

Es gibt einen jungen Mann, den ich kenne und ich weiß von ihm, dass er nackte Beine sehr erregend findet. Wenn ich dahin gehe, auch bei 30 Grad ziehe ich immer eine Hose an und keinen Minirock. Das finde ich dann respektvoll. Nicht so wie „Da muss er jetzt durch“. Ganz konkret bei Adam sind die Übergriffe auf mich viel weniger geworden. Ich habe jetzt eine Antwort, ein Angebot.

 

Nina: Was ist Deiner Meinung nach die Rolle der Professionellen, die mit Behinderten arbeiten, wenn es um dieses Thema geht? Und was ist Deine Erfahrung mit den Betreuern von Adam?

 

Ruth: Bei den Betreuern von Adam stoße ich auf der Reaktion: „Ja, ist ja toll, dass du das machst, wir würden uns dafür auch interessieren“. Aber ich merke, dass sie sich damit noch nicht so richtig auseinandergesetzt haben. Ich habe ja auch lange gebraucht, bis ich an dem Punkt war, wo ich jetzt bin. Ich habe mich fragen müssen, was sind Wünsche von Behinderten? Was ist meine Pflicht? Was habe ich für ein Menschenbild?

Es herrscht oft die Haltung vor, es wird aufgeklärt und wenn sie onanieren, ist das auch ok, dann machen wir sogar schon mal die Tür zu. Aber die Pflicht ernst zu nehmen, zu überlegen, ist Sexualität für ihn ein schwieriges Thema, braucht er Hilfe, wie könnten wir Hilfe gestalten? Machen wir das in Form von Bildern?

 

Es gibt Einrichtungen, die sich nicht damit arrangieren können, so jemand wie Dich zu engagieren, wo dies noch immer etwas Anrüchiges ist. Viele Schwerbehinderte können das, was mit ihnen passiert, gar nicht als Sexualität deuten oder einordnen.

 

Gestern fragte mich eine Praktikantin noch, meinst du, die Schwerbehinderten, haben Sexualität? Da habe ich gesagt, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch, egal mit welcher Behinderung, ein Empfinden von Sexualität hat. Dass es zum Leben dazugehört, zur Lebenszufriedenheit, Sexualität zu leben. Das kann ich denen nicht absprechen. Ich bin als Betreuer verpflichtet, darauf zu achten und dafür zu sorgen.

 

Nur dadurch, dass Sexualität in Deutschland ein Tabuthema ist, ist es schwierig. Es ist die Angst, sich strafbar zu machen. Ich rede jetzt nicht über die Behinderten, die eine Partnerschaft gestalten können, mit denen man über Verhütung sprechen kann, sondern die, die kein Konzept haben, was passiert da mit meinem Körper.

 

Wir sind sehr weit entwickelt was die Wahrnehmungsförderung und Störungen angeht, da sind wir top. Das Geschlecht hat scheinbar keine Wahrnehmung, auch nicht in der Literatur, das gibt es einfach nicht. Aber wenn man taktile Wahrnehmung meint, ist die ja hoch sensibel und extrem ausgebaut. Dennoch wird sie ausgeschlossen.

 

Ich glaube aber, wenn es wie in anderen Ländern Pflicht wäre, darauf zu achten... Ich glaube schon, die Betreuer gönnen denen das, aber sie haben oft soviel Skrupel, das anzugehen. Es gibt letztendlich keinen legalen Auftrag und keinen legalen Weg in Deutschland und es ist kein Teil der Ausbildung. In diesem Bereich sind diese Behinderten so abhängig von uns.

 

Nina: Hast du einen Rat für andere Gestalttherapeuten oder Mitarbeiter? Kannst du denen einen unterstützenden Tipp geben?

 

Ruth: Vor Jahren bin ich sehr radikal vorgegangen. Heute warte ich eher, bis ich gefragt werde. Ich sende Signale und wenn ich gefragt werde, werde ich auch konkret. Ich glaube, das muss sich vorsichtig entwickeln in Deutschland. Auch den Mitarbeitern müssen Entwicklungschancen gegeben werden. Für mich als Körper- und Gestalttherapeutin gibt es Kollegen, die das als nicht normal bezeichnen, dass ich die männlichen Klienten massiere. Sie fragen mich, was ich da wohl auslöse an sexuellen Gefühlen. Ich antworte dann, ja natürlich löse ich Sexualität aus, die gibt es ja nun mal. Ich kann das nicht „wegmachen“ und ihnen deswegen auch noch den Körperkontakt und die taktilen Erfahrungen nehmen. Ich massiere nicht im Bereich des Geschlechts und kann ihnen deswegen auch keine Angebote machen in dieser Richtung, aber ich kann ihnen deswegen doch nicht den ganzen Körperkontakt versagen!

Ich kann nur mit Respekt feststellen, dass Sexualität da ist und dass ich dafür keine Idee habe. Das war in der Zeit bevor ich Dich kennengelernt hatte. Dann sage ich ihnen auch, ich kann dir das und das anbieten und leider nicht mehr. Ich stelle das mit Bedauern fest und äußere das auch Schwerbehinderten gegenüber.

Ich wünsche dir das, aber durch die familiäre Situation, durch die rechtliche Situation, durch die Situation in der Einrichtung, wo du bist, habe ich kein anderes Angebot für dich. Ich benenne es. Ich will sie nicht mit dem Gefühl zurück lassen, dass es etwas Komisches ist, was sie nicht haben dürfen.

 

Sie lernen, wie sie ein Messer neben einen Teller legen, wie sie sich ordentlich benehmen können, da gibt es endlos Programme von Bildkarten. Aber nicht eine Bildkarte zeigt, wie fasse ich mein Glied an, um zu onanieren. Oder für Frauen, wie kann ich Hilfsmittel benutzen um zu onanieren oder auch ohne. Da müsste es auch Programme geben. Nur wenn man die auspackt, dann macht man sich sozusagen mehr oder weniger strafbar.

Also, das ist so mein Weg. Ich gucke, wo Interesse ist, bin aber vorsichtiger geworden. Ich habe gemerkt, wenn ich zu radikal vorgehe, dann mache ich denen auch Angst und sie blocken ab. Die sagen dann als Entschuldigung, „Na ja, die hat ja irgendwie ein sexuelles Problem. Sie sieht bei den Behinderten etwas, was die gar nicht haben. Müssen die das denn auch noch haben?“

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen die nicht im pädagogischen Bereich arbeiten, wenn ich denen erzähle, was ich versuche zu gestalten, sie oft viel toleranter sind. Auch Ältere, die denen das wünschen.

Professor Kehrer z.B., über 80 und vor zwei Wochen gestorben, der sich das so sehr gewünscht hat, dass es offiziell möglich ist und das an Ärzte heranzubringen versucht hat. Aber nur theoretisch sind wir alle „so offen“. Keiner sorgt dafür, dass es einen Raum gibt, wo es passieren kann. Mein Arbeitgeber sagt, ich diskutiere das nicht mit dem Vorstand, finde es aber gut und Ihr könnt die Räume haben. Vor 10 Jahren hätte ich ihn an die Wand genagelt für so eine Aussage, jetzt gehe ich es langsamer an. Durch die Beobachtung und die Entwicklung von Adam will ich auch zeigen, dass es funktioniert, das ist auch schon ein Ziel. Damit es sich dann irgendwann multipliziert. Es gibt hier einige, denen ich das wünschen würde, und ich bin dabei, mit den Eltern zu reden. Aber das geht nicht so schnell, die müssen da langsam hinkommen.

 

Nina: Ich höre öfters von Leuten, dass sie es gut finden, was ich mache, aber meinen, dass sie damit nicht im Team ankommen könnten. Was sagst Du zu denen?

 

Ruth: Ich würde denen sagen, zeige Profil und sage es. Wenn das ehrlich deine Meinung ist, dann gibt es keine Entschuldigung dafür nicht zu sorgen. Wir haben in Deutschland meiner Meinung nach nur eine Chance, wenn wir darüber reden und uns Gedanken machen. Für Körperbehinderte gibt es ja Angebote. Die können ja für sich entscheiden. Bei geistig Behinderten hängt es oft von den Eltern und Betreuern ab, ob jemand die Möglichkeit bekommt, solche Erfahrungen zu machen. Bei jüngeren Autisten mache ich das ziemlich früh schon zum Thema, damit der Weg dahin offener wird. Dass es ein Thema ist, das irgendwann ansteht, darüber müssen wir uns unterhalten. Das mit Respekt behandeln, aber auch durchaus in die Offensive gehen.

 

Nina: Was für Qualitäten muss Deiner Meinung nach ein/e Sexualbegleiter/in haben? Warum hast Du mir die Arbeit mit Adam zugetraut? Hattest Du nicht die Befürchtung, dass ich Schaden anrichten könnte?

 

Ruth: Ich glaube, dass man grundsätzlich keinen Schaden anrichtet im Kontakt mit Behinderten, ob es um Sexualität oder etwas Anderes geht, wenn man authentisch ist, eine Persönlichkeit entwickelt hat und sich auf die eigene Arbeit ganz klar einlässt. Die eigenen Grenzen müssen klar sein und das sehe ich bei Dir. Du strahlst eine Sicherheit aus. Autisten brauchen das Gefühl, dass das, was der andere anbietet, auch so gemeint ist. Sie sind echt und wahrhaftig und man kann sich nur auf sie einlassen, wenn man das ertragen kann. Wir sind oft nicht echt mit einander.

 

Ich erlebe dich so, dass du für dich entschieden hast „Ich kann das tun!“ und das auch immer wieder überprüfst. Ich glaube, dass man viel Selbstwahrnehmung und eigene Therapie-Erfahrung haben muss.

 

Ich hatte bei den ersten Telefongesprächen, wo ich selber etwas rumgestottert habe, gleich das Gefühl, dass du sehr sicher rüberbrachtest, was du willst und was nicht. Das beeindruckt mich immer, egal um welches Thema es geht. Wenn Menschen sicher sind in der Sache, die sie tun, ohne starr zu sein.

 

Nina: Kannst du noch etwas über die Wahrnehmung von Autisten sagen? Es scheint ein Widerspruch zu sein, jemanden der Angst vor Kontakt hat, Berührungen anzubieten?

 

Ruth: Bei Autisten findet eine Reizüberflutung statt, weil sie auf Grund einer Hirnfunktionsstörung nicht in der Lage sind, zu differenzieren und zu filtern. Sie wirken oft zurückgezogen, sortieren lieber Gegenstände, als in Kontakt mit Menschen zu treten. Nicht, weil sie den Kontakt nicht mögen, aber weil ein Mensch nicht kalkulierbar ist. Unsere Aufgabe ist es auch, Körperkontakt so zu gestalten, dass er für sie kalkulierbar ist. Ich habe Adam am Anfang immer nur an einem Arm massiert. Das sind keine 5-Minuten-Aktionen, das geht über viele Jahre. Das Vertrauen muss wachsen: Wenn Ruth mich berührt, dann ist es keine Bedrohung. Und er genießt es. Ein Autist braucht Körperkontakt. Sie lechzen danach, können ihn aber nicht gestalten. Das ist unsere Aufgabe.

 

Nina: Danke.

 

 

 

 

 

 

 

Gemälde eines Klienten mit einer Autismus - Spektrum - Störung

 

Autistische Störungen - auch Autismus-Spektrum-Störungen genannt - gehören zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Dies bedeutet, dass nahezu alle Bereiche der Entwicklung schon im frühen Kindesalter betroffen sind. Die Veränderungen sind hirnorganisch bedingt, bisher nicht heilbar und daher ein Leben lang vorhanden. Zu den Autismus-Spektrum-Störungen gehören der Frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom und der Atypische Autismus. Gemeinsam ist den autistischen Störungen, dass qualitative Beeinträchtigungen in den Bereichen „soziale Interaktion“, „Kommunikation“ und „eingeschränktes Verhaltens- und Interessensrepertoire“ bestehen. Mit dem Begriff „Autistisches Spektrum“ wird ausgedrückt, dass Auffälligkeiten und Schwierigkeiten in diesen Bereichen zwar bei allen Menschen mit dieser Störung vorhanden sind, dass andererseits aber die individuelle Ausprägung sehr unterschiedlich sein kann.

 

Die Grenzen zwischen den verschiedenen autistischen Störungen sind fließend,

ebenso die Grenze zur „Normalität“. Zudem weist etwa die Hälfte der Menschen mit

einer Autismus-Spektrum-Störung eine zusätzliche intellektuelle Beeinträchtigung auf. Andererseits gibt es aber auch hochbegabte Menschen mit Autismus.

 

(Übernommen von: http://www.autea.de/autismus-spektrum-stoerung)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright 2013 Nina de Vries